Durch Fischen zur Erkenntnis

Ein wirkungsvolles Angebot im Coaching von Führungskräften

 

 

Erfolgreich sein. Was genau bedeutet das? Es ist mir wichtig, zuerst den Begriff «erfolgreich» zu klären: Wenn ich mit Kunden

ein paar Stunden am Wasser verbringe, tritt für mich «Erfolg» dann ein, wenn die Zeit mit oder ohne gefangene Fische ein Gefühl der «Zufriedenheit» auslöst. Hat ein Fisch angebissen, ist das eine schöne Zugabe¹.

 

Seit mehr als zehn Jahren biete ich Kurse für Familien oder Vater beziehungsweise Mutter mit Kind an. Ziel ist es, gemeinsam schöne Stunden zu verbringen und dabei ganz nebenbei innerlich zu wachsen. Wie aber geht das?

 

Wahrnehmung und Achtsamkeit schärfen

Wenn ich mit meinen Kunden beispielsweise von September bis Oktober fischen gehe, dann sind es vor allem die Barsche (Egli), welche am ehesten zu fangen sind. Die Technik, diese Fische zu fangen, verlangt nach einer gewissen inneren Ruhe. Diese ist vielleicht nach rund 30 Minuten aktivem Fischen erreicht. Dieser Zustand ist sehr erholsam und macht es möglich, wichtige Dinge rundherum erst richtig wahrzunehmen. 

 

Zum Beispiel, wie kalt oder wie warm das Wasser ist, ob es klar oder eher trüb erscheint. Auch oberhalb der Wasseroberfläche ist vieles zu beobachten. Etwa wenn Möwen und Gänsesäger in der Nähe des Wassers kreisen. Wer gut zuhört, nimmt die Rufe wahr. Denn wenn sich die Vögel kreischend auf das Wasser stürzen, bedeutet dies auch, dass die jungen Fische nicht mehr weit entfernt sind. Und wo die jungen Fische sind, halten sich meist auch die grossen auf.

Gut gemeinte Tipps

Spätestens dann, wenn wir die Gewissheit haben, dass die grösseren Fische wie Egli, Hecht und Zander in der Nähe sind, steigt der Adrenalinspiegel– auch der von Kindern. Vor allem Kinder und Jugendliche sind dann gleich voller Hoffnung, einen grossen Hecht zu fangen. Gelingt das dann aber über längere Zeit nicht, kommen die Kids rasch einmal in die «Experimentierphase».

Sie versuchen, mit den kreativsten Ideen alternative Fanggeräte zu entwickeln. Für Eltern und auch für mich als Coach bedeutet diese beginnende Kreativitätsphase manchmal eine eher heikle Situation. Sie verführt Erwachsene schnell dazu, den Kindern und Jugendlichen «gute» Tipps zu geben, korrigierend einzuwirken oder etwa «noch besser» vorzuzeigen. Aber genau darauf sollten wir in aller Regel verzichten. Denn wenn wir uns nicht einmischen, unterstützen wir erstens die wachsende Selbstständigkeit und Selbstsicherheit der Kinder. Zweitens gilt dies als Schutz unserer gerade erreichten inneren Ruhe².

Kinder und Jugendliche beginnen mit viel Intensität und Lust ihre geschaffenen oder noch weiterzuentwickelnden Fanggeräte auszuprobieren. Oft sagen mir dann Mütter oder Väter, sie hätten ihre Kinder schon lange nicht mehr so erlebt – total bei sich.

Zufrieden, aber zu wenig erholt

Diese lebendige, lustvolle Stimmung, die bei solchen «Familienausflügen» regelmässig aufkommt, beflügelt so manche Familie, das Erlebte zu wiederholen. Es ist nur das gemeinsame Erleben, welches nach Wiederholung verlangt. Der Erfolg dieser Events steht und fällt unter anderem mit den gezielten Interventionen des Coaches. Und zwar dadurch, dass der Coach die Eltern daran hindert, bestimmte Dinge zu tun, oder sie eben gerade dazu ermutigt³.

Als Geschäftsführerin oder Geschäftsführer oder als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter des mittleren Kaders fühlen sich manche während des Fischereiausfluges jedoch am Ende des Tages zu wenig erholt. Zufrieden schon, aber zu wenig erholt. Dann wäre eine Fortsetzung dieses Angebotes in etwas anderer Form sinnvoll.

Die Organisationskultur neu sehen

So kann es sehr hilfreich sein, nur noch zu zweit fischen zu gehen, um während des Tages in der beeindruckenden Natur bestimmte Themen «lockerer» als gewohnt anzugehen. Dabei gehe ich mit den Führungskräften unter anderem folgende Fragen durch:

  • Schafft es die Führungskraft, sich nach der Arbeit und Informationsflut genügend zu erholen? Wo ist in dieser Hinsicht Entwicklungspotenzial ersichtlich?

  • Was erlebt die Führungskraft mit den eigenen Kindern als schwierig? Was für Entlastungsstrategien kommen infrage? Und welche kommen gar nicht infrage?

  • Fühlt sich die Führungskraft von den Mitarbeitern unterstützt und verstanden? Wie l.sst sich die Organisationskultur in seinem oder ihrem Unternehmen beschreiben⁴?

Es ist klar, dass bei solchen Fragen das Fischefangen in den Hintergrund tritt. Das geschieht dann, wenn die Führungskraft. «angebissen» hat. Es kann dann durchaus sein, dass sich daraus ein paar Sitzungen in meinem   Büro ergeben. Gewisse Themen können sich draussen in der Natur so verdichten, dass sich selbst das Naturerlebnis in seiner Wirkung relativiert und einer fokussierten, konzentrierten Beratung in geschützter Atmosphäre Platz macht.

Anmerkung

1 A. Weber (2011): Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur, S. 47 ff.

2 Gerald Hüther, Uli Hauser (2012): Jedes Kind ist hochbegabt, Knaus Verlag, S. 76 ff.

3 T. Kinne (2017): Zeitschrift für Heilpädagogik, Schweiz, S. 13-19

4 G. Schreyögg (2012): Grundlagen der Organisation