Die Fische sollen zappeln - nicht die Kinder und Jugendlichen!

Mein Konzept zu «coaching-fischen».

 

Seit mehr als 11 Jahre gehe ich mit Kindern und Jugendlichen, die als «Zappelphilipps» beurteilt werden, fischen. Mir ist aufgefallen, dass die vom Hausarzt oder einer anderen Fachperson, - z.B. LehrerIn oder SozialarbeiterIn -, formulierte Vermutung oder gar Diagnose AD(H)S nicht selten falsch ist! 1, 2, 7 Wenn Kinder und Jugendliche zappeln oder anderswie sozial stören, ist das vorerst eine «gesunde Reaktion auf problematische Lebens- und Umweltbedingungen (!)» der Betroffenen. 2, 6, 7, 9, 10, 20 Zu Hause werden sie nach draussen geschickt, weil sie stören. Einmal draussen, werden sie fortgeschickt, weil sie beim Skaten, Scooter fahren oder Biken entweder stören oder die Erwachsenen bekommen beim blossen Zuschauen Angst, es könne eines der Kinder/Jugendlichen verunfallen. 25 (Seite 140-41) Also wird diese Aktion verboten… Kehren sie frustriert nach Hause zurück und zücken ihr handy um zu gamen, TV schauen oder sitzen am PC, geht es nicht lange, bis Mutter / Vater oder andere Bezugspersonen auftauchen und sie ermahnen, damit aufzuhören, weil das «ewige gamen» schädlich sei… Zudem haben die Kinder und Jugendlichen kaum noch unverplante Zeit! Der steigende Leistungsdruck seitens Schule und Elternhaus wird dafür verantwortlich gemacht. Nicht selten sind Vernachlässigung und Gewalt 20 die versteckten Probleme der betroffenen Kids. Oder dann die sogenannten Helikoptereltern.... 2, 10, 12 Was diesen Kindern und Jugendlichen auch fehlt, sind Freiräume. Und: sie brauchen Welpenschutz. 5 Sie brauchen Räume, wo sie sich zeitlich und räumlich frei bewegen können. Und ihnen fehlt «Natur»: Abenteuer, etwas Risiko und «mehr Matsch». 6 7 23 Da eignet sich Fischen ausgezeichnet. 6 Mit bewegungs-, natur- und erlebnishungrigen Kindern und Jugendlichen am Wasser den Fischen nachzustellen, führt auch zu spontanen Kontakten mit den andern KursteilnehmerInnen. Die Kontakte muss ich in geeigneter Weise strukturieren können, 7, 11, 13 oder eben gerade jede Einflussnahme unterlassen, 8 damit es in der Folge auch zu einer echten Begegnung zwischen allen Beteiligten kommen kann. Von Anfang an geht es darum, diesen Kursteilnehmern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen, weil ihr Leben bis dahin aus zu vielen Misserfolgen bestanden hat: oft schlechte Noten, damit freudloses zur Schule gehen, Angst vor den Klassenkameraden, weil diese sie hänseln, viele Streitereien zu Hause usw. 5, 7, 20. Beim Fischen lernen die Kids, selbständig (!), mit einer Fischerrute einen Fisch zu fangen. 21 Das bringt ihnen einen grossen Motivationsschub, vieles auszuprobieren, erfinderisch, kreativ zu werden. Und: sie lernen präzise beobachten. In der Gruppe erobern sie sich normalerweise nach kurzer Zeit ihren festen Platz. Und später leisten sie in dieser Gruppe ihren Beitrag, den sie dann abliefern, wenn für sie die Zeit dafür reif geworden ist. 13 Wenn es mir gelingt, eine stabile, vertrauensvolle Beziehung zum Kind / Jugendlichen aufzubauen, werden die Fischereiabenteuer

sukzessive ergänzt mit bestimmten Themen, die wir vorsichtig beginnen, zu besprechen. 14 Das ist eine sehr heikle Phase, weil "AD(H)S-Betroffene" Mühe haben, Probleme als solche zu erkennen und zu fühlen. Fischen bietet viele Möglichkeiten, positive Erfahrungen in den Alltag zu transferieren. Beispiel: « Hast Du einen grossen Fisch an der Angel, zieh ihn nicht zu schnell ans Ufer – die Schnur wird sonst reissen.» Anders gesagt: wenn ein Zappelphilipp bei meinem Angebot einmal «angebissen» hat, muss ich mir Zeit lassen, ihn «an Land zu bringen». Er braucht viel Zeit und Experimentierfelder, um sich entwickeln zu können. Wenn ich forciere, ungeduldig oder ehrgeizig bin, reisst die Schnur… Abgesehen davon ist die Metapher «…Du bist ein Hecht» ein Riesenkompliment für den Zappelphilipp!

Da die für ihn wichtigen Bezugspersonen nicht selten selber AD(H)S - ähnliches Verhalten zeigen(!), sind sie oft gar nicht in der Lage, solche Gespräche adäquat zu leisten: die Kontrolle über die eigenen Gefühle 5, 7, 13 wie Enttäuschung, Angst, Verzweiflung und Wut muss dann funktionieren. Ferner muss das Wissen und ein tieferes Verständnis um die Strategien von Kindern und Jugendlichen mit sozialen Auffälligkeiten wie «das Externalisieren – ausagieren innerer Konflikte», 9, 14 vorhanden sein. Und solches Verhalten hat erst mal gar nichts mit AD(H)S zu tun. Die Auseinandersetzungen sollten deshalb unbedingt mit der so genannten «inneren Suchhaltung» geführt werden können. 13, 18 Wir alle kennen "Gefühle von grosser Unkonzentriertheit, Zappeligkeit, Reizbarkeit usw." Und da die meisten von uns diese sehr hohe Anforderung - in der Auseinandersetzung ruhig Blut zu bewahren - nicht oder nur mangelhaft mitbringen, scheitern dann die vielen gut gemeinten, energieraubenden Versuche klärender Gespräche seitens engagierter Eltern, Lehrer und anderen Bezugspersonen. 20

Sie scheitern auch deshalb, weil selbst sehr erfahrene FachärztInnen unterschiedliche Diagnosen stellen, was verunsicherte Eltern noch unsicherer macht. So sind die Verhaltensdefizite, welche für ein AD(H)S stehen können, auch bei Depressionen, Zwangsneurosen, Suchtverhalten und Kriminalität (Diamond, 2007a, S. 1387) feststellbar!

Nachbemerkung: Sehr unterstützend bei der Arbeit / Begleitung mit AD(H)S - Kindern und Jugendlichen ist - je nach Indikation - das Miteinbeziehen von Tieren, speziell von Hunden! Eine Voraussetzung dazu ist es, dass die Kinder / Jugendlichen mit Hunden positive Erfahrungen gemacht haben. Und die Hunde müssen entsprechend der Aufgabe dafür geeignet und trainiert worden sein. 19 Auf der folgenden Seite findet der/die interessierte LeserIn wichtige Bücher, Zeitungsausschnitte und Fachzeitschriften. Die Liste liesse sich endlos fortsetzen, zumal zur Zeit ein richtiger Boom bezüglich der Literatur über AD(H)S und Autismus stattfindet.

 

Quellenangaben:

 

  1. Bonney H. 2012. Neurobiologie für den therap. Alltag.

  2. Largo Remo H., 2017: das passende Leben. Seiten 114 - 218, 228, 280 - 287, 317 - 320.

  3. Spitzer M., 2018: Einsamkeit. Seiten 17 - 45.

  4. DER BUND vom 06.04.2018: Jugend unter Druck.

  5. Davatz U. 2014: ADHS und Schizophrenie. Seiten 41-42 und 309.

  6. Weber A., 2011. Mehr Matsch. Seiten 47-50.

  7. Hüther – Hauser. Jedes Kind ist hoch begabt. 2012. Seiten 10, 14, 22.

  8. Schweiz. Zeitschrift für Heilpädagogik, Heft Nr. 7-8, 2017,

  9. Aichhorn A. Verwahrloste Jugend, 1925, Seiten 153, 159 - 183 und 226 - 227.

  10. Zulliger Hans, 1969: Bausteine zur Kinderpsychotherapie.

  11. Petzold Hilarion, 1977: die neuen Körpertherapien. Seite 252 - 262, 265 - 285 folgende.und: Zeitschrift "Integrative Therapie, 1/1978, Seite 27, 35, 44 -45.

  12. Gilsdorf R., Aufbruch ins Ungewisse, 1999, Seite 59.

  13. T. Kinne, 2017, Schweiz. Zeitschrift für Heilpädagogik, Seiten 13 - 19.

  14. Crain F.Fürsorglichkeit und Konfrontation. 2011, Seiten 67 - 72, 257, 350 folgende.

  15. WOZ v. 12.04.2018. Für alles eine Pille.

  16. Rahm D. et al., 1993. Einführung in die Integrative Therapie. S. 163 - 168, 170, 331, 357.

  17. Harari Y., 2015: Eine kurze Geschichte der Menschheit. Seite 460 folgende.

  18. Dörner / Plog et al. 2017: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie -Psychotherapie, Seiten 320 folgende.

  19. Theres Germann et al., 2014: Tiergestützte Interventionen. Seite 20, 222 folgende.

  20. J. Bauer, 2002/2018: das Gedächtnis des Körpers. Seite 12, 15, 89, 92, 106, 213 folgende.

  21. Resilienz. Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse 2009. Seite 41, 46, 48.

  22. Fromm E., 1996. Seiten 230 - 265, 270 - 283 folgende.

  23. E. von Hirschhausen u. T. Esch, 2018: Die bessere Hälfte. Seite 111, 189, 193, 202 folgende.

  24. Schreyögg A., 1991. Supervision. Ein integr. Modell, Seiten 441 folgende.

  25. Hasler G., 2018. Resilienz: Der Wir-Faktor. Seite 1, 125, 129 - 142 folgende.

  26. V. M. Axline: Dibs. Ein autistisches Kind befreit sich aus seinem seelischen Gefängnis. 2004.